Wölfe und Wissenschaft -

Geflügelkadaver locken Wölfe auf Bauernhöfe in Polen

Die deutsche Wolfspopulation hat ihren Ursprung in Polen. Von dort sind die ersten Tiere zugewandert und mit den polnischen Wölfen besteht weiterhin ein genetischer Austausch. Wenn aus Polen zuwandernde Wölfe an menschliche Nahrungsquellen gewöhnt sind, besteht ein Risiko für erhöhte Nahbegegnungen. Ein solches Risiko lässt sich aus der Veröffentlichung von Sabina Nowak und KoautorInnen ableiten, die in Polen untersucht haben wie verworfene Geflügelkadaver Wölfe auf Bauernhöfe anlocken.

Abb.:  Standorte der Untersuchungsgebiete: Revier des Wolfes M1 in der Region Kaschubei und Revier des Wolfes F1 am westlichen Rand des Notecka-Waldes. Schattierter Bereich auf der Karte – Wolfsverbreitungsgebiet im Jahr 2023

In der Europäischen Union (EU) gelten für die Behandlung toter Nutztiere strenge Hygienevorschriften. Trotzdem kommt es häufig zu Verstößen, etwa durch eine unsachgemäße Entsorgung von Tierkadavern. Wölfe sind oft die dominierenden Aasfresser an Kadaver-Fundorten, da sie Kadaver häufiger und über längere Zeiträume hinweg aufsuchen als andere Fleischfresser. Die Geflügelhaltung ist einer der wichtigsten und am schnellsten wachsenden Zweige der Tierhaltung. Mit einem Anteil von mehr als 22 % an der gesamten EU-Produktion hat Polen sich zum größten Produzenten von Geflügelfleisch innerhalb der EU entwickelt. 


In der vorliegenden Studie haben die AutorInnen die Nutzung von Geflügelkadavern durch Wölfe auf Bauernhöfen an zwei Standorten in Polen untersucht (Abbildung). Die AutorInnen stellten die Hypothese auf, dass Geflügelkadaver auf Bauernhöfen die räumliche und zeitliche Aktivität der Wölfe sowie ihr Verhalten und die Zusammensetzung ihrer Nahrung beeinflusst. Beide Untersuchungsgebiete liegen innerhalb der mitteleuropäischen Wolf-Subpopulation. In beiden Gebieten lebt eine artenreiche Gemeinschaft wilder Huftiere. Unter den einheimischen Arten sind Rehwild (Capreolus capreolus), Rothirsch (Cervus elaphus) und Wildschwein (Sus scrofa) am häufigsten vertreten. Darüber hinaus wurde im 20. Jahrhundert das Damwild (Dama dama) zu Jagdzwecken eingeführt. In beiden Gebieten gibt es auch eine große Population von Bibern.

Um Wölfe zu überwachen, die sich von illegal entsorgten Geflügelkadavern ernähren, haben die AutorInnen Telemetrie-Halsbänder, DNA-Analysen und Kamerafallen eingesetzt. Mithilfe von Telemetrie untersuchten sie zwei junge Wölfe aus verschiedenen Wolfsfamilien, die in den Untersuchungsgebieten ihr Revier hatten. Ein Männchen (7 Monate alt, M1) und ein Weibchen (8 Monate alt, F1). Beide Wölfe waren als kranke und verletzte Tiere in einem Rehabilitationszentrum bevor sie mit Telemetrie-Halsbändern ausgestattet und in ihren Ursprungsterritorien freigelassen wurden. 

Aufnahmen von Kamerafallen zeigten, dass das junge Männchen M1 zu einer Familiengruppe gehörte, die aus einem Elternpaar und vier Welpen bestand. DNA-Analysen zeigten, dass es sich bei der erwachsenen Wölfin in diesem Rudel um die Mutter von M1 handelte. Der Genotyp von M1s Vater wurde in keiner der analysierten DNA-Proben gefunden, was auf einen kürzlichen Wechsel des erwachsenen Rüden in dieser Familiengruppe hindeutet. Laut Telemetriedaten hatte das Streifgebiet von M1 eine Fläche von 463,9 km2. M1 hielt sich häufig auf der einzigen Geflügelfarm innerhalb seines Reviers auf. Diese Gänsefarm, die M1 häufig aufsuchte, grenzte im Norden und Osten an einen kleinen Wald. Bei Inspektionen im Winter 2019/2020 wurden mehrere frische Gänsekadaver neben und auf einem Haufen frischem Mist gefunden. Der Zaun der Farm wies Lücken auf und war teilweise beschädigt. Ein Tor fehlte. Außerhalb der Farm, im Wald, wurden Knochen und Federn von Gänsen gefunden. 

Das weibliche Jungtier F1 gehörte zu einer Wolfsfamilie, die aus einem Elternpaar, einem subadulten Tier und fünf Welpen bestand. Das Revier von F1 umfasste eine Fläche von 280,7 km². Die Truthahnfarm, die von F1 und seinen Rudelmitgliedern besucht wurden, befand sich am westlichen Rand ihres Territoriums. Im Winter 2022/2023 wurden zwei Inspektionen der Truthahnfarm am Rande des F1-Territoriums durchgeführt, die nächsten beiden im Frühjahr 2023. Die Farm war teilweise von einem Kiefernwald und Feldern umgeben. Bei der ersten Untersuchung wurden unter der dünnen Schneedecke (1–2 cm) Spuren von Wölfen und Füchsen im Hinterhof der Farm entdeckt. Bei beiden Untersuchungen wurden eine große Anzahl von Truthahnkadavern in verschiedenen Verwesungsstadien entdeckt. Innerhalb der Farm, in der Nähe des hinteren Zauns und unter mehreren Kiefern, wurden zahlreiche Kotspuren von Wölfen und Rotfüchsen gefunden.

Aufzeichnungen von Kamerafallen ergaben, dass Wölfe in beiden Untersuchungsgebieten vor allem nachts zwischen 18 Uhr und 5 Uhr in der Nähe der Geflügelhöfe auftauchten. Die Kamerafalle in der Nähe der Gänsefarm hat 32 Mal Wölfe aufgezeichnet – die Kamerafalle in der Nähe der Truthahnfarm hat während eines Zeitraums von 42 Tagen 107 Mal Wölfe aufgezeichnet. 

Die Mitglieder der Familie von M1 waren im Allgemeinen gesund. Ende Februar 2020 verschwand der Wolf M1, und alle Anzeichen deuteten darauf hin, dass dies auf eine illegale Tötung zurückzuführen war. In der Familie von F1 befanden sich drei von fünf Jungtieren in einem schlechten Zustand. Sie waren abgemagert, hatten sichtbaren Haarausfall, Hautläsionen und Wunden. 

Kotanalysen ergaben, dass Huftiere in beiden Untersuchungsgebieten etwa 85 % der von Wölfen verzehrten Nahrungsbiomasse ausmachten, wobei Rehe den größten Anteil hatten. Mittelgroße Säugetiere wie Biber, Hasen und mittelgroße Fleischfresser trugen ebenfalls zur Ernährung der Wölfe bei. Die Studie bestätigt, dass Wölfe hauptsächlich wilde Huftiere jagen, selbst in Landschaften, die stark vom Menschen beeinflusst sind und in denen Geflügelkadaver vorhanden sind. Geflügel wurde zwar in 24–29 % der Wolfskotproben gefunden; die Biomasse dieser Nahrungsart war jedoch nur im Territorium von M1 bedeutender, wo sie 7,1 % ausmachte. 

Die vorliegende Studie bestätigte, dass ein besserer Schutz von Geflügelzuchtbetrieben vor dem Zugang von Wildtieren und eine ordnungsgemäße Entsorgung von Geflügelkadavern entscheidend sind, um Konflikte zwischen Menschen und Wölfen in Ländern mit gut entwickelter Geflügelindustrie zu reduzieren. In der EU unterliegt die Verwertung von Geflügelkadavern strengen Vorschriften, die sowohl die Lebensmittelsicherheit als auch den Tierschutz gewährleisten sollen. Es ist unerlässlich, dass diese Vorschriften wirksam umgesetzt werden, um eine bessere Koexistenz zwischen Landwirten und großen Beutegreifern zu fördern.

Quelle: Nowak, Sabina, et al. "Discarded carrion of poultry lures wolves to farms." European Journal of Wildlife Research 72.1 (2026): 2


Link (Volltext): https://link.springer.com/article/10.1007/s10344-025-02036-w