Wölfe und Wissenschaft -

Interaktionen zwischen Wolf und Goldschakal an Tierkadavern in Griechenland

Nach der Rückkehr der Wölfe wird auch der Goldschakal regelmäßig in Deutschland beobachtet. Deshalb ist es interessant zu sehen, wie sich Wölfe und Goldschakale im gleichen Lebensraum verhalten. In der vorliegenden Arbeit wurden Interaktionen zwischen Wölfen und Goldschakalen an Tierkadavern in Griechenland untersucht. Obwohl die Entsorgung von Tierkadavern durch eine EU Verordnung, die das offene Abladen von Tierkadavern verbietet, formell geregelt ist, wird diese Vorschrift in Griechenland nicht konsequent durchgesetzt. In abgelegenen ländlichen Gebieten lassen Landwirte Tierkadaver häufig auf den Feldern liegen, um die finanziellen und logistischen Kosten einer offiziellen Abholung zu vermeiden. Dadurch entsteht eine Nahrungsquelle für Aasfresser, die durch menschliche Aktivitäten, anthropogene Nahrungsquellen und Nutztierhaltung geprägt ist.

Abbildung. Verschiedene Arten von Interaktionen zwischen Goldschakalen und Wölfen wurden analysiert: (a) gemeinsames Fressen, (b) Ausruhen und (c) Begegnungen.

Interaktionen zwischen Wolf, Goldschakal und Rotfuchs wurden bereits in vielen Ländern untersucht. Wie in der Arbeit berichtet wird, spielen Spitzenprädatoren wie der Wolf eine entscheidende Rolle bei der Erhaltung der Biodiversität terrestrischer Ökosysteme, indem sie durch Prädation und Konkurrenz die Populationen von Pflanzenfressern regulieren und mittelgroße Beutegreifer in Schach halten. In Europa haben sie einen negativen Einfluss auf Goldschakale. In Israel beispielsweise begrenzen Wölfe und Goldschakale die Populationen des Rotfuchses, doch Wölfe begünstigen auch die Füchse, indem sie den Druck durch die Schakale verringern. Große Beutegreifer unterstützen die Populationen mittelgroßer Beutegreifer auch indirekt, indem sie ihnen Kadaver zur Verfügung stellen. 
Das Ziel der vorliegenden Studie war es, das Verhalten zwischen Wölfen und Goldschakalen in einer Landschaft zu untersuchen, in der anthropogene Nahrungsquellen reichlich vorhanden und leicht zugänglich sind. Solche Bedingungen sind in weiten Teilen Griechenlands üblich, wo Landwirte Tierkadaver häufig auf dem Land sowie in der Umgebung von Siedlungen oder Viehhaltungsbetrieben entsorgen. Die AutorInnen stellten die Hypothese auf, dass die Biomasse der Kadaver die Interaktionen zwischen Wölfen und Goldschakalen beeinflusst. Größere Kadaver könnten die Konkurrenz verringern und Möglichkeiten zur gemeinsamen Nahrungsaufnahme fördern, während kleinere Kadaver die Konkurrenz wahrscheinlich verschärfen und den Zugang der Schakale aufgrund der Dominanz der Wölfe einschränken. Darüber hinaus kann ein Überfluss an lokal verfügbaren Nahrungsressourcen die Häufigkeit von Konkurrenzinteraktionen verringern und so eine tolerante Koexistenz begünstigen.


Die AutorInnen haben mithilfe von Drohnen mit Wärmebildtechnik, tragbaren Wärmebildkameras und Kamerafallen landesweit fast 1100 Wolfs- und über 9000 Schakal-Sichtungen erfasst. Die Daten wurden zwischen 2018 und 2024 in neun Regionen Griechenlands erhoben, wobei die meisten Beobachtungen im Zeitraum von 2020 bis 2024 gemacht wurden. Im Rahmen der Untersuchung wurden 1437 Tierkadaver oder Tierreste dokumentiert, was einer Biomasse von 270 Tonnen entspricht; der Großteil davon befand sich in der Nähe von Mülldeponien, Straßen, Siedlungen und Tierhaltungsbetrieben. Einige waren noch frisch, während andere sichtbare Anzeichen von Verwesung aufwiesen. Achtzig Prozent der Kadaver befanden sich in einem Umkreis von 500 m um Tierhaltungsbetriebe (z. B. Bauernhöfe, Ställe oder Mastbetriebe), 15 % in einer Entfernung zwischen 500 m und 1 km und 5 % in einer Entfernung von mehr als 1 km. Obduktionen und Befragungen lokaler Landwirte ergaben, dass diese Tiere nicht von Beutegreifern getötet worden waren.


Es wurden insgesamt 662 Fälle dokumentiert, bei denen Goldschakale und Wölfe gemeinsam an 326 verschiedenen Orten beobachtet wurden. Wie in der Abbildung zu sehen, wurde Ihre Anwesenheit unter drei verschiedenen Bedingungen dokumentiert: gemeinsames Fressen an verendetem Vieh (n = 176), Ausruhen (n = 143) und Begegnung (n = 343). Die Entfernungen zwischen den Arten reichten von weniger als 5 m bis zu 50 m mit einer Dauer von weniger als 5 Minuten bis zu einer Stunde.


In den meisten Fällen (50 %–60 %) hielten Schakale und Wölfe einen größeren Abstand zueinander ein (Begegnung), ohne dass sichtbare Anzeichen aggressiven Verhaltens zu beobachten waren. Die Wahrscheinlichkeit, gemeinsam zu fressen, hing mit geringeren Abständen zwischen den Arten zusammen, während die Anzahl der Beobachtungen, bei denen sich beide Arten ausruhten, zunahm, wenn sie 30–50 m voneinander entfernt waren. Wenn bei beiden Arten ein Abstand von weniger als 15 m voneinander beobachtet wurde, waren sie meist beim Fressen oder Ausruhen. Zudem gab es eine zeitliche Überschneidung bei den Aktivitäten beider Arten. 90 % der Zeit waren sie nachtaktiv. In vielen Fällen, insbesondere bei Kadavern von Großvieh, ernährten sich Schakale und Wölfe abwechselnd über einen Zeitraum von mehr als 20 Tagen von diesen. Dies galt insbesondere dann, wenn die Kadaver von Landwirten vergraben wurden oder in den Wintermonaten, in denen die Zersetzung langsamer voranschritt. Die Begegnungen zwischen beiden Arten waren in der Regel kurz, wobei die meisten Beobachtungen 5–15 Minuten dauerten, während die Ruhephasen länger andauerten, typischerweise 30 Minuten oder mehr.


Die Schakale, die den Kadaver mit den Wölfen teilten, traten in der Regel in Gruppen mit durchschnittlich 5,4 Individuen auf. Einzelne Schakale machten nur 17 % der Fälle aus. Wölfe, die gemeinsam mit Goldschakalen fraßen, traten meist einzeln auf (78 % von 176 Fällen), obwohl auch zwei und gelegentlich mehr Tiere beteiligt waren (bis zu maximal sechs). Größere Wolfsgruppen wurden beobachtet, wenn der Abstand zwischen den beiden Arten größer war.


Die Gruppengröße der Schakale stand in Zusammenhang mit der Anzahl der anwesenden Wölfe. In den vier seltenen Fällen in denen fünf oder sechs Wölfe gemeinsam mit den Schakalen fraßen umfasste die Gruppengröße der Schakale 16 bis 24 Tiere. Bei diesen Ausnahmen handelte es sich um Wölfe in Begleitung von 6 bis 8 Monate alten Welpen. Die hohe Anzahl an Schakalen schien die Wölfe nicht einzuschüchtern. Die Biomasse der Kadaver erwies sich als entscheidender Faktor für das Verhalten der Tiere an Futterstellen. Es wurde beobachtet, dass Wölfe und Schakale an größeren Kadavern häufiger gemeinsam fraßen. 
Nur ein Fall wurde beobachtet, in dem einer der Goldschakale von einem erwachsenen männlichen Wolf angegriffen, getötet und anschließend gefressen wurde.


Welche Bedeutung hat die Studie für Begegnungen zwischen Wolf und Goldschakal in Deutschland? Die Voraussetzungen dafür werden nicht die gleichen sein wie bei der vorliegenden Studie in Griechenland. Seit dem Jahr 2002 ist es Europas Viehzüchtern verboten, Kadaver toter Weidetiere in der Landschaft liegen zu lassen. Hygienevorschriften als Reaktion auf den Rinderwahnsinn BSE erzwingen, dass Kadaver in der Tierreste-Verbrennung landen. Wie die Studie zeigt, wird dieses Verbot in Griechenland oft nicht befolgt bzw. nicht durchgesetzt. Ausnahmen von dem Verbot gibt es allerdings bei Tierkadavern die an bestimmten Plätzen abgelegt werden dürfen um als Nahrungsquelle für bedrohte oder wiederangesiedelte Geierpopulationen zu dienen. An solchen Orten könnte es zu Nahbegegnungen zwischen Wölfen und Goldschakalen kommen. Außerdem könnte es an von Wölfen erbeutetem oder an natürlich verstorbenem oder verunglücktem Großwild zu vergleichbaren Begegnungen kommen. Auf der Grundlage bisheriger Studien ist zu erwarten, dass der Wolf eine entscheidende Rolle bei der Erhaltung der Biodiversität terrestrischer Ökosysteme hat, indem er durch Prädation und Konkurrenz die Populationen mittelgroßer Beutegreifer wie Goldschakal, Rotfuchs und Marderhund beeinflusst. 

Quelle: Kominos, T., Galanaki, A., Naziridis, T., Gasteratos, I., Giannatos, G., Chylarecki, P., & Bogdanowicz, W. (2026). Jackals among wolves: balancing between competition and tolerance. Proceedings of the Royal Society B: Biological Sciences, 293(2065), 20252832.


Link (Volltext): https://doi.org/10.1098/rspb.2025.2832