Wölfe und Wissenschaft -

Ursachen für die Sterblichkeit bei Wölfen

in Nordamerika und Europa

Die Sterblichkeit prägt die Dynamik aller Wildtierpopulationen. Wenn die Todesfälle die natürlichen Erwartungen übersteigen, können sie negative Populationstrends bis hin zum Aussterben begünstigen, die genetische Vielfalt verringern und wichtige demografische Prozesse wie die Fortpflanzung stören. Das Verständnis des Ausmaßes und der Ursachen der Sterblichkeit ist eine dringende globale Herausforderung, die für die genaue Vorhersage der Populationsdynamik und die Ausarbeitung evidenzbasierter Managemententscheidungen von entscheidender Bedeutung ist. In der vorliegenden Arbeit haben Ana Morales-González und KoautorInnen eine systematische Auswertung der vorhandenen Literatur zur Sterblichkeit von Grauwölfen in ihrem gesamten Verbreitungsgebiet (d. h. dem größten Teil der nördlichen Hemisphäre) durchgeführt, um globale Muster und mögliche Unterschiede zwischen den Kontinenten zu ermitteln. Die Studien wurden anhand der Art der bereitgestellten Informationen analysiert, darunter Sterblichkeitsraten, Anteil der toten Individuen nach Todesursache sowie natürliche und vom Menschen verursachte Determinanten der Sterblichkeit. 
Die Autorinnen haben eine systematische Suche vorhandener Literatur zur Sterblichkeit des Wolfs in seinem gesamten Verbreitungsgebiet durchgeführt. Sie haben Studien mithilfe der Scopus-Datenbank von Elsevier durch Eingabe mehrerer Suchbegriffe gefunden, die verschiedene Parameter der Demografie des Wolfs darstellen, darunter Sterblichkeit (Mortality) und weiterer Begriffe. Voraussetzung war auch, dass sich die Studie mit dem Wolf (Canis lupus) beschäftigt. Die gefundenen Arbeiten wurden mit Hilfe standardisierter Methoden ausgewertet. Es wurden Daten zur Sterblichkeit aus 140 Studien extrahiert (Abbildung). Die meisten von ihnen (N=89) kamen aus Nordamerika, eine kleinere, aber dennoch beträchtliche Anzahl (N = 47) aus Europa und nur drei aus Asien.

Abb.:  Standorte von Studien, die Daten zur Wolfsmortalität lieferten

Daten zu den Sterblichkeitsraten wurden aus 76 Studien extrahiert (53 in Nordamerika, 21 in Europa und zwei in Asien). Die weltweite jährliche Sterblichkeitsrate betrug 0,31 (±0,18;), und es wurden keine signifikanten Unterschiede zwischen Nordamerika (0,3±0,15) und Europa (0,32±0,21) festgestellt. Diese Raten sind höher als unter natürlichen Bedingungen für diese Art zu erwarten wäre. In Gebieten, in denen die direkte Verfolgung gering ist, liegt sie häufig unter 0,2. Es wurden Unterschiede in den jährlichen Sterblichkeitsraten zwischen den verschiedenen Statusgruppen festgestellt. Abwandernde Wölfe wiesen eine höhere Sterblichkeit (0,48 ± 0,25) auf als sesshafte Jungtiere (0,25 ± 0,11). Überraschenderweise wurden keine signifikanten Unterschiede zwischen den betrachteten Altersklassen, d. h. Jungtieren (0,35 ± 0,24) und einjährigen Tieren sowie Erwachsenen (0,26 ± 0,11) festgestellt. Dabei war die Variabilität innerhalb der Jungtiere besonders hoch. 
Bei den Todesursachen bestätigen die Ergebnisse, dass das Zusammenleben mit Menschen ein sehr hohes Risiko mit sich bringt. Die meisten Todesfälle bei Wölfen wurden durch Menschen verursacht., d. h. weltweit (0,74 ± 0,23), in Nordamerika (0,66 ± 0,25) und in Europa (0,86 ± 0,14). Die häufigste Todesursache war die absichtliche legale und illegale Tötung. Es wurden keine Unterschiede zwischen der Häufigkeit zwischen der legalen und illegalen Tötung innerhalb der untersuchten Gebiete gefunden. Da jedoch die meisten illegalen Tötungen nie gemeldet werden, ist davon auszugehen, dass der Anteil der Mortalität durch illegale Quellen viel höher ist. Die erhöhte Sterblichkeit durch absichtliche Tötungen hat besonders schädliche Auswirkungen auf das Verhalten, die Demografie und den Erhaltungszustand der Wölfe. Sie sind evolutionär nicht an hohe Sterblichkeitsraten angepasst und kommen von Natur aus in geringen Populationsdichten vor. Tatsächlich nimmt die Wolfspopulation und ihr Verbreitungsgebiet zwar insgesamt zu, der Erhaltungszustand der Art in Europa ist jedoch noch lange nicht günstig. Sechs der neun Populationen sind laut der Bewertung der Roten Liste der IUCN gefährdet oder potenziell gefährdet, und der Wolf befindet sich in sechs der sieben biogeografischen Regionen nach wie vor in einem ungünstigen bis unzureichenden Erhaltungszustand (Europäische Umweltagentur 2020).


In Europa starb ein höherer Anteil der Wölfe durch menschliche Einflüsse als durch natürliche Ursachen als in Nordamerika. Wölfe in Europa leben in stärker vom Menschen geprägten Landschaften als in weiten Teilen Nordamerikas. Der vermehrte Kontakt zwischen Menschen und Wölfen im europäischen Kontext kann zu einer höheren Sterblichkeit durch menschliche Einflüsse führen. Die Sterblichkeit durch Verkehrsunfälle ist weltweit (0,06 ± 0,08), in Europa (0,12 ± 0,19) und in Nordamerika (0,03 ± 0,05) die zweithöchste durch Menschen verursachte Mortalität, wobei dieser Anteil in Europa ebenfalls höher ist als in Nordamerika. Diese Unterschiede können auf methodische und landschaftliche Gegebenheiten zurückzuführen sein. Europa weist tatsächlich die weltweit höchste Straßendichte auf.


Die Hauptursachen für die natürliche Sterblichkeit sind innerartliche Aggressionen, Krankheiten und Hunger, wobei ein geringerer Anteil der Sterblichkeit auf Alter, zwischenartliche Aggressionen und Unfälle wie Lawinen und Ertrinken zurückzuführen ist. Es wurden keine Unterschiede innerhalb der einzelnen Regionen hinsichtlich der Hauptursachen für natürliche Sterblichkeit gefunden. Zwischen den Regionen hingegen wurde ein höherer Anteil an durch natürliche Sterblichkeit getöteten Wölfe in Nordamerika (0,3 ± 0,29) als in Europa (0,01 ± 0,01) festgestellt. Diese Unterschiede sind jedoch zumindest teilweise auf methodische Unterschiede zurückzuführen, da der Anteil der Todesfälle durch natürliche Sterblichkeit bei Wölfen in Europa stark unterschätzt wird. Die vielfältigen landschaftlichen Unterschiede zwischen Europa und Nordamerika können ebenfalls zu Unterschieden im natürlichen Sterberisiko führen. So kommen Wölfe in vielen europäischen Landschaften tendenziell in geringerer Dichte vor als in Nordamerika (1,3–2,7 Wölfe/100 km² in Europa; 2–18,2 Wölfe/100 km² in Nordamerika), was zu einem geringeren Risiko für intraspezifische Aggressionen führen kann. Die Ausbreitung der stark fragmentierten Populationen in Europa deutet ebenfalls darauf hin, dass die Wolfspopulationen unterhalb der Tragfähigkeit der Habitate geblieben sind, was ebenfalls für ein geringes Risiko innerartlicher Aggression spricht.

Quelle: Morales‐González, A., Ruiz‐Villar, H., Quevedo, M., Fernández‐Gil, A., Paniw, M., & Revilla, E. (2026). Patterns and Determinants of Mortality in Grey Wolves (Canis lupus). Mammal Review, 56(1), e70015.


Link (Volltext): https://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/mam.70015