Bereits 1756 hatte Wilhelm Heinrich Kramer (1756) in einer Arbeit über die österreichische Tierwelt zwei Wolfsarten aus dem Karpatenbecken beschrieben, wobei die kleinere, graue Art im Schilf lebte und als „Schilfwolf“ (auch Rohrwolf) bezeichnet wurde. In einer kürzlich erschienenen Arbeit machen sich Tamás Tóth und Kollegen auf die Spuren des Schilfwolf.
In der Arbeit werden neben Kramer (1756) mehrere historische Quellen für den Schilfwolf aufgeführt. Derzeit betrachten Experten den Begriff „Schilfwolf“ als Synonym oder umgangssprachliche Bezeichnung für den Goldschakal (Canis aureus Linnaeus,1758). Diese Interpretation entstand jedoch erst nach einer Debatte, die zwischen 1931 und 1962 stattfand. Zuvor teilten viele die Ansicht von Kramer (1756), dass es im Karpatenbecken zwei Wolfsarten gab und dass die kleinere, gräuliche Art im Schilf lebte und als „Schilfwolf“ bezeichnet wurde. Später schlug Tschudi (1856) – der selbst nie einen „Schilfwolf“ gesehen hatte – vor, dass der im Hanság offenbar weit verbreitete Schilfwolf aufgrund seiner geringeren Größe, die ihn vom Grauwolf (Canis lupus Linnaeus, 1758) unterscheidet, als eigene Art behandelt werden sollte. Der Hanság ist eine ehemalige Niedermoorlandschaft an der österreichisch-ungarischen Grenze südöstlich des Neusiedler Sees. Die Art selber wurde das erste Mal wissenschaftlich von Mojsisovics 1897 alsCanis lupus minorbeschrieben. Die Beschreibung basierte auf einem Fell eines in Bilje (Kroatien) erlegten, hundeartigen Fleischfressers, aus dem ein Teppich angefertigt worden war. Die vorliegenden Daten und die Beschreibung deuten darauf hin, dass es sich höchstwahrscheinlich um das Fell eines Goldschakals oder eines Hybriden aus der Familie der Hunde handelt. Soweit bekannt ist, ist das Fell inzwischen verloren gegangen. Deshalb haben die Autoren nur anhand der verfügbaren Informationen und ausgehend von einem Schakalfell die Färbung und das Muster des Typusexemplars vonC. lupus minorrekonstruiert (Abbildung).
Als erstes begaben sich die Autoren auf die Suche nach dem Fell des Typusexemplars welches von Mojsisovics 1897 für seine wissenschaftliche Beschreibung vonC. lupus minorvorlag. Dazu wurden Experten am Biologischen Forschungsinstitut „Siniša Stanković“ und der Universität Belgrad angeschrieben und um Informationen gebeten.
Da das Fell und sein derzeitiger Verbleib nicht ausfindig gemacht werden konnten, haben die Autoren das Exemplar des Originals digital anhand der Beschreibung von Mojsisovics 1897 rekonstruiert. Aus der Beschreibung ließ sich lediglich feststellen, dass es sich bei dem in der ursprünglichen Beschreibung genannten Individuum um ein Exemplar mit einer Neigung zum Melanismus handelte. Auf dieser Grundlage und unter Betonung der Tatsache, dass die Rekonstruktion eher einem visuellen als einem taxonomischen Zweck dient, handelte es sich bei dem in Bilje getöteten Individuum höchstwahrscheinlich um einen zum Melanismus neigenden Schakal oder um eine Art Hybrid aus einem Caniden. Obwohl Mojsisovics selber bereits Zweifel am „Schilfwolf“ äußerte, betrachteten nachfolgende Autoren die Unterart dennoch lange Zeit als gültig.
Quelle: Tóth, Tamás, Miklós Marosán, and Borbála Kocsis. "Reconstruction of the type specimen ofCanis lupus minorMojsisovics, 1897." SPIXIANA 48.2 (2026): 217-220.