Winterliche Nutzung von Eisflächen durch Wölfe in Skandinavien
Gewässer sind stark von saisonalen Schwankungen betroffen, insbesondere in den borealen und arktischen Regionen der nördlichen Hemisphäre. Große offene Gewässer (Seen und in geringerem Maße auch Flüsse) können im Sommer die Fortbewegung von Wölfen behindern und die Landschaft fragmentieren. Im Winter friert ein Großteil dieser Gewässer zu Eis und macht Platz für neues Terrain. Dies kann die Fortbewegung der Wölfe erleichtern und somit den Energieaufwand reduzieren. Ein Beispiel für die winterliche Nutzung von Eisflächen ist die Isle-Royal, ein Nationalpark im US-Bundesstaat Michigan, der aufgrund des zugefrorenen Lake Superior (Oberer See) von Wölfen wiederbesiedelt wurde. Insgesamt ist aber nur wenig über die Bedeutung von Wasser sowie Eisflächen für Wölfe, insbesondere in Skandinavien, bekannt. Das Hauptziel der AutorInnen dieser Studie war es, die Nutzung von Gewässern durch die skandinavischen Wölfe im Winter zu untersuchen.
Die Studie wurde im Kerngebiet der skandinavischen Wolfspopulation in Norwegen und Schweden durchgeführt (Abbildung). Die AutorInnen verwendeten Telemetrie-Daten (GPS) von 71 erwachsenen, territorialen Wölfen (31 Weibchen, 40 Männchen, durchschnittliche Rudelgröße 6). Die Daten wurden zwischen Februar 2001 und November 2023 vom Skandinavischen Wolfsforschungsprojekt (SKANDULV) gesammelt. Die 44 Winterterritorien der Wölfe hatten eine durchschnittliche Fläche von 1068 ± 853 km² pro Territorium. Sie waren hauptsächlich von borealen Nadelwäldern bedeckt (69 ± 9 %), gefolgt von offenen Flächen, darunter vor allem Moore, natürliche Graslandschaften und Berggebiete (20 ± 11 %), Seen (6 ± 4 %), andere Wälder (3 ± 2 %), landwirtschaftliche Flächen (2 ± 3 %), Flüsse (0,2 ± 0,2 %) und bebaute Flächen (0,4 ± 0,7 %). Die Wälder wurden von Kiefern und Fichten dominiert, gemischt mit Laubbaumarten. Die Hauptbeute skandinavischer Wölfe sind Elche, die im Winter 73 % der Nahrungsbiomasse ausmachen, während Rehe als sekundäre Beutetiere dienen. Zu den kleineren Beutetieren zählen Biber, Dachs, Rotfuchs, Schneehase, Auerhuhn und Birkhuhn. Durch die zeitliche Abfolge der GPS-Positionen und durch deren Entfernung voneinander konnten die AutorInnen die Wanderung der einzelnen Tiere durch ihr Territorium verfolgen und auch auf die Geschwindigkeit der wandernden Wölfe schließen, die durch ihre Schrittlänge wiedergegeben wurde. Nach der Auswertung aller GPS-Daten blieben den AutorInnen Daten von 71 Individuen in 44 Territorien.
Um die Zeiträume zu bestimmen, in denen Gewässer mit Eis bedeckt waren (im Folgenden „Eiszeiten“), haben die AutorInnen tägliche Temperaturdaten verwendet. Da keine öffentlichen Daten zur Eisbedeckung im Untersuchungsgebiet verfügbar sind, haben sie die Eisperioden anhand einer Reihe grundlegender Anforderungen und Standardklimaindizes festgelegt. Die Eisperiode begann, nachdem die lokalen täglichen Durchschnittstemperaturen 14 Tage lang unter 0 °C lagen (durchschnittliche Frostperiode). Die Eisperiode endete, nachdem die täglichen Durchschnittstemperaturen 10 Tage lang über 0 °C lagen. Die Daten der Eisperioden wurden dann mit den entsprechenden Wolfspositionen nach Datum abgeglichen. Darüber hinaus wurden die täglichen mittleren Schneehöhen in cm für jedes Gebiet und jeden Winter abgerufen.
Am Ende jeder Messperiode wurden die Entfernungen zum nächstgelegenen See, Fluss, Bach, Hauptstraße, Waldweg und Gebäude berechnet. Außerdem wurden die Höhe, die Neigung und die Dichte der Hauptstraßen, Waldwege und der Baumbedeckung am Ende jeder Messperiode ermittelt. Um festzustellen, ob eine Position auf Wasser bestimmt wurde, wurden Wasserflächen mit einem Puffer von 10 m versehen, um mögliche Positionen an Ufern zu minimieren und gleichzeitig mögliche GPS-Fehler zu berücksichtigen. Um den Aktivitätsmustern der Wölfe Rechnung zu tragen, da Wölfe meist nachts aktiv sind und tagsüber ruhen, wurden die Datensätze in Tag und Nacht unterteilt. Positionen von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang wurden als Tag und Positionen von Sonnenuntergang bis Sonnenaufgang als Nacht klassifiziert. Die Studie zeigte, dass der Anteil der Positionen auf Gewässern während der Eiszeiten 2,2-mal höher (8,6 ± 0,9 %) als in eisfreien Perioden (3,9 ± 0,4 %) war. Diese vermehrte Nutzung von Gewässern während der Eiszeiten betraf Seen und Flüsse, wobei der Anteil der Positionen auf Gewässern während der Eiszeiten 3,8-mal bzw. 4,0-mal höher war als in eisfreien Perioden. Bäche wurden in Eiszeiten etwas weniger genutzt als in eisfreien Perioden. In eisfreien Nächten mieden Wölfe Seen. In Nächten mit Eisbedeckung wählten Wölfe Seen und Flüsse aus. Die Wahrscheinlichkeit, während Eisperioden Flüsse auszuwählen, war ähnlich hoch wie die Wahrscheinlichkeit, Waldwege auszuwählen. Bäche wurden während der Nächte weder bevorzugt noch gemieden, unabhängig von der Eisbedeckung. Wölfe bevorzugten größere Entfernungen zu Gebäuden, eine geringere Hauptstraßendichte, eine geringere Waldstraßendichte, eine geringere Höhe, steilere Hänge und eine höhere Baumbedeckungsdichte. Sowohl tagsüber als auch nachts legten Wölfe auf Seen, Flüssen und Waldwegen größere Entfernungen zurück als abseits davon, wobei die Entfernungen tagsüber geringer waren als nachts. Die Schrittlänge nahm im Allgemeinen mit zunehmender Schneehöhe ab, auch auf Waldwegen und Flüssen, jedoch nicht auf Seen. Die Schrittlänge nahm in der Nähe von Gebäuden, bei geringerer Waldstraßendichte, höherer Hauptstraßendichte (nur nachts), geringerem Gefälle, geringerer Höhe und geringerer Baumbedeckungsdichte zu.
Mit dieser Studie fanden die Autorinnen heraus, dass Wölfe während der Eiszeiten Seen und Flüsse bevorzugten und ihre Schrittlänge erhöhten, wenn sie sich auf zugefrorenen Seen und Flüssen fortbewegten. Die Ergebnisse zeigen, dass Wölfe während eisfreier Perioden im Winter Seen mieden, was darauf hindeutet, dass größere offene Gewässer eine Barriere für Landtiere darstellen. Umgekehrt bevorzugten Wölfe während Eisperioden Seen und Flüsse, was darauf hindeutet, dass Wölfe in der Lage sind, diese saisonale Veränderung zu erkennen und sich daran anzupassen.
Quelle: Veenbrink, Wessel, et al. "Wolves on ice: habitat use and selection of water bodies by wolves during winter." Animal Behaviour 231 (2026): 123401.